Pali-Kanon, die älteste Sammlung aus dem Schriftgut des Buddhismus
Touristenstraße in Pattaya/Bangkok
Buddhistische Tempelanlage in Thailand
König RAMA V mit seinem Sohn
Quelle: (c) Texte 2006 Ramin Assemi
Buddha und sein Freund Jivaka
Traditionelle Thai-Massage ist eines der ältesten überlieferten Heilsysteme, das sich bis in die heutige Zeit gehalten hat. Ironischerweise stammt sie jedoch ursprünglich aus Indien, genauer gesagt aus dem damals mächtigsten und größten Staat Indiens, dem Königreich Magadha. Dort praktizierte vor rund 2500 Jahre ein großer Arzt: Jivaka Kommarabhacca.
In seiner Jugend war er Schüler des legendären Atreya gewesen, ein Arzt der damals weit über die Grenzen Indiens hinaus für seine Heilkünste bekannt war. So erhielt Jivaka Kommarabhacca tiefen Einblick in die alten Heilwissenschaften Indiens, wie das Ayurveda und das Yoga. Seine Heilerfolge machten ihn schon in frühen Jahren zu einem bekannten Arzt und schließlich rief sogar der König von Magadha, Bimbisara, ihn an seinen Hof und ernannte ihn zu seinem Leibarzt. Dort traf er auch auf Siddharta Gautama, den Buddha, und seine Mönchsgemeinschaft. Die beiden verstanden sich gut und Jivaka lernte von Buddha und behandelte ihn und die Mönchsgemeinde medizinisch.
Aus seinem reichen Erfahrungsschatz und tiefer Meditation entwickelte sich sein medizinisches System, mit dessen Hilfe er auf vier Weisen seine Patienten behandelte:
1. Massage,
2. Naturmittelheilkunde,
3. Ernährungsweise und
4. spirituellen Praktiken
Nach seinem Tod praktizierten seine Schüler weiter und im dritten Jahrhundert vor Christus schließlich kam die Thai-Massage dann tatsächlich auch in Thailand an. Der indische Kaiser Ashoka war ein mächtiger Herrscher mit weitreichendem Einfluss. Nachdem er sein Reich in jahrelangen Kriegen vergrößert hatte – es umfasste 3/4 des indischen Subkontinents – und auf dem Gipfel seiner Macht stand, suchte er nach neuen Aufgaben im Leben. Er wurde Anhänger der friedfertigen buddhistischen Lehren und entsandte buddhistische Missionare in alle Himmelsrichtungen. Was Kaiser Konstantin für das Christentum war, war Kaiser Ashoka für den Buddhismus.

Bild: Der Pali-Kanon ist die Sammlung von Dialogen und Lehrvorträgen des Buddha. Die Pali-Überlieferung gehört zum ältesten Schriftgut des Buddhismus
Die Missionare trugen vor allem spirituelles und medizinisches Wissen weiter und ein Großteil des medizinischen Wissens ging auf die Lehren Jivaka Kommarabhacca’s zurück. In der frühesten buddhistischen Epoche Thailands waren es vor allem Wandermönche, die sich von allen Besitztümern losgesagt hatten und in den Wäldern und Bergen lebten und meditierten. Etwa im ersten Jahrhundert nach Christus dann wurden mehr und mehr buddhistische Klöster gebaut in denen die Mönche die Bevölkerung medizinisch behandelten – mit Massagen, Heilkräutern und Gebeten. Auch massierten die Mönche sich gegenseitig, um ihre Meditationspraktiken zu vertiefen.
Vom Tempel ins Freudenhaus
Es ist sicherlich ein weiter Weg den die Thai- Massage da genommen hat – wenn sie einst vor allem in den Klöstern von Mönchen praktiziert wurde ist sie heute dafür bekannt, in den Bordellen von Prostituierten praktiziert zu werden. Jedoch sollte man sich bewusst machen, dass das zwei ganz verschiedene Praktiken sind, die da unter einem gemeinsamen Namen kursieren – und ansonsten sehr wenig gemeinsam haben. So findet z.B. eine “echte” Thai-Massage immer bekleidet statt und der Intimbereich wird nicht “bearbeitet”.
Es ist ein wenig bedauerlich, wie die Geschichte ihren Teil dazu beigetragen hat, dass der Name “Thai-Massage” oft mit sexuellen Dienstleistungen gleichgesetzt wird. Denn einerseits wurde es den Mönchen verboten Massagen zu praktizieren (ähnlich wie es auf dem Konzil von Klermont im Jahre 1130 dem christlichen Klerus verboten wurde, ärztlich tätig zu sein) und andererseits begannen die Amerikaner den Vietnamkrieg: Die von Gefechten erschöpften Soldaten schickte man zur Erholung nach Thailand. So wurde das Land von amerikanischen Männern mit amerikanischen Dollars und kriegsaufgeladenen Hormonhaushalten überspült und binnen weniger Jahre flossen ungezählte Dollar an (einer ganz eigenen Art von) “Foreign Direct Investment” in den Ausbau von Thailands Sex-Industrie.
Angebote für Touristen in Pattaya/Thailand
Auch haben viele Prostituierte im Alter umgesattelt – ein in die Jahre gekommener Körper zieht wenige Freier an und die Preise sinken – und so haben sie dann nicht mehr in Nachtclubs und Bordellen gearbeitet, sondern in “Massage Parlors”, die eben (sehr) entspannende Massagen für Männer anbieten und wo das Aussehen nicht mehr so wichtig war.
Volksmedizin Massage
Jedenfalls damals – rund 2000 Jahre auf der Achse der Zeit zurück, gab es immernoch viele buddhistische Wandermönche in Thailand die durchs Land zogen und so “sickerte” die Thai-Massage Stück für Stück auch langsam in die ländliche Bevölkerung durch. So wurde die Massage aus den Tempeln in den thailändischen Alltag geholt und heute gibt es im wesentlichen zwei Arten der Thai-Medizin (und -Massage).
Der gelehrte Stil
Der gelehrte Stil entstand am königlichen Hof und integriert eine Vielzahl von kulturellen Einflüssen. Die thailändische Kultur ist imstande fremde Elemente aus den verschiedensten Teilen der Welt nahtlos zu assimilieren (die Vielfalt der thailändischen Küche ist exemplarisch dafür). Medizinisches Wissen aus Indien, China, islamischen Traditionen und dem Westen floss hier mit ein. Die größte Übereinstimmung des theoretischen Überbau’s der thailändischen Medizin ist in der ayurvedischen Medizin zu finden, und in einigen Fällen stimmen Sen (Energielinien der Thai-Massage) und Nadis (Energielinien des Ayurveda) und Akupressurpunkte der Thai-Massage mit den ayurvedischen Marmas überein.
Im Jahr 1998 betrug die Anzahl der Wats (buddhistische Tempelanlagen) im ganzen Land 30.678
Aus der Zeit um 1820 datierende Statuen indischer “Rishis” im Wat Poh zeigen deutlich, welchen hohen Stellenwert die yogische Tradition im gelehrten Stil einnahm, und 1100 ayurvedische Rezepte, die in die Manuskripte des Wat Poh aufgenommen wurden und die Vereinnahmung ayurvedischer Diagnosetechniken bestätigen dies nur. Die Unterschiede sind jedoch in der praktischen Anwendung so mannigfaltig, dass die Übereinstimmung im theoretischen Überbau von nur geringer praktischer Bedeutung ist. Viele westliche Autoren haben in ihren Büchern über Thai-Massage diese Übereinstimmungen überbetont, was eher auf einen Mangel an Präzision zurückzuführen ist denn auf fundiertes Wissen.
Ein Phänomen, das wohl jedem aus eigener Erfahrung bekannt sein dürfte. Einem Europäer beispielsweise, der das erste mal nach Asien reist kann es häufig passieren, dass er sich denkt: “Die sehen hier doch alle gleich aus.” Je länger er sich jedoch in diesem fremden Kulturkreis aufhält, desto deutlicher werden die distinktiven Merkmale der asiatischen Gesichtszüge erkennbar. Gleiches gilt für jenen, der sich intensiver mit den ayurvedischen und thailändischen Lehren auseinandersetzt. Jedoch praktizieren heute viele Thai-Masseure (indisches) Yoga und raten oft auch ihren Patienten dazu – schließlich wird Thai- Massage manchmal auch scherzhaft als “Yoga für Faule” bezeichnet, denn der Massierte wird in verschiedene Yogastellungen gebracht, ohne eigene Anstrengung.
Während also die alt-indischen Einflüsse in erster Linie durch Mönche nach Thailand gelangten, brachten chinesische Einwanderer Elemente der traditionellen chinesischen Medizin – darunter auch Massagetechniken des Tuina – mit. Aus den armen Regionen des chinesischen Großreichs wanderten schon seit langem Chinesen nach Thailand ein, weil sie sich dort eine bessere materielle Grundlage erhofften. Und wer einmal das Chinatown von Bangkok besucht hat, wird sich auch hier des Eindrucks nicht erwehren können, dass die Chinesen eben wirklich das Volk der Fleißigen sind. Viele verarmte, besitzlose chinesische Zuwanderer haben sich den Respekt der Thai’s mit harter Arbeit verdient – und heute steht hinter fast jedem großen Unternehmen in Thailand eine thai-chinesische Familie). Wenn Sie in Bangkok einen schwarz glänzenden Merzedes durch die Straßen fahren sehen – innen drin sitzt mit großer Wahrscheinlichkeit ein chinesischer Einwanderer der zweiten oder dritten Generation. Auch werden die meisten großen Apotheken für traditionelle thailändische Medizin heute von Thai-Chinesen geführt und das Wissen um die Zubereitung und Zusammenstellung der einzelnen Mittel wird als wertvoller Familienschatz gehütet.
Der schamanische Stil
Der schamanische Stil ist der in Thailand mit großer Wahrscheinlichkeit ältere, fast vollkommen auf einem spirituellen Glaubenssystem aufbauend, das vor der Verbreitung des Buddhismus in Thailand dominant war. Aufgrund des völligen Verzichts auf formalisierte Wissensweitergabe hat jede Provinz auch eigene Vorgehensweisen und Rezepte zur Behandlung verschiedener Symptome. Unterweisungen finden seit jeher ausschließlich in mündlicher Form vom Lehrer zum Schüler statt. Zum größten Teil sind es Männer, die diese Funktion in der Dorf-Gemeinschaft einnehmen und denen häufig magische Fähigkeiten nachgesagt werden. Im Norden Thailands finden sich jedoch oft auch Frauen, die über einen großen medizinischen Wissensschaftz verfügen und auch Massieren (ein Erbe der Hebammen-Tradition). Einzig und allein medizinische Rezepturen werden auch gelegentlich schriftlich weitergegeben, allerdings in einer für Außenstehenden unverständlichen, kodierten Form und auf die Bewahrung und Geheimhaltung des Wissens wird größter Wert gelegt.
Allerdings ist dieser Schamanismus in Thailand quasi “vom Aussterben bedroht”. Das liegt zum einen daran, dass oft Mönche in Thailand eine ähnliche Funktion wie Schamanen übernehmen – das durchführen magischer Riten, das Segnen von Amuletten und Kräuterbehandlungen.
Desweiteren sind Thais auch ein von Antibiotika- begeistertes Volk und in den Apotheken bekommt man jede Medizin grundsätzlich auch ohne Rezept – was dazu geführt hat, dass viele Thai’s die bunten Pillen fressen als wären es Bonbons (ein wenig überspitzt formuliert...). Mittlerweile gibt es ein wachsendes Bewusstsein dafür, dass eine Pille die den Schmerz wegmacht nicht unbedingt immer ein Segen sein muss und dass Nebenwirkungen oft größer sind, als die Schrift auf der Packungsbeilage – aber Hand in Hand mit dem steigenden Bedürfnis nach traditioneller Medizin geht auch eine immer aggressivere Vermarktung von “traditional herbal medicine”. Das wäre ja an und für sich durchaus zu begrüßen – leider verstehen die Firmen dahinter jedoch oft mehr von Marketing als von Medizin.
Die Wiederentdeckung
Mittlerweile beginnen die Thais also wieder in verstärktem Maße, sich für ihre eigene Heilkunst zu interessieren. Das war nicht immer so. Als vor rund 100 Jahren König Chulalongkorn Thailand’s große Modernisierung vollendete, galt westliche Wissenschaft als kostbares Gut. Im Laufe der nächsten Jahrzehnte glaubten viele Thai’s selbst, dass es nur noch eine Frage der Zeit sei, bis ihre Traditionen westlicher Vernunft weichen würden. Dazu möchte ich eine kleine persönliche Anekdote einfügen:
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Chulalongkorn war ein sehr erfolgreicher Außenpolitiker. Er knüpfte als erster König Siams direkte Kontakte zu den europäischen Königshäusern. Zwei Reisen führten ihn 1897 und 1907 nach Europa, u. a. auch nach Deutschland, wo er in Heidelberg beispielsweise seinen Sohn Prinz Rangsit von Chainad besuchte, der dort von 1905 bis 1913 studierte und 1912 die Heidelbergerin Elisabeth Scharnberger heiratete.
Einst wohnte ich einige Zeit im Haus eines befreundeten Sport-Mediziners und lernte so seine Mutter kennen. Khun Mä (so nannte ich sie) war früher Lehrerin an einer renommierten Schule in Bangkok gewesen und stammte aus einer angesehenen Familie. Ihr Vater war persönlicher Masseur des Königs gewesen und Khun Mä lachte amüsiert, als sie sich daran erinnerte, dass sie damals gar kein Interesse für traditionelle Medizin und Massagen übrig hatte. “Damals dachte ich das wäre alles langweilige, überholte Tradition. Es schien so rückständig und die westliche Medizin war so viel überlegener. Mein Vater wollte uns Kindern sein medizinisches Wissen weitergeben, aber das wollten wir garnicht. Ich war noch sehr jung, da hat er mir ein bisschen etwas beigebracht, aber das ist so lange her. Wir wollten alle lieber in der Schule lernen und zur Universität gehen und er akzeptierte das. Damals dachte ich: Ach, wer will in zehn Jahren noch massiert werden, wenn jeder richtige Medizin bekommen kann. Und heute sehe ich, wie viele Menschen aus Amerika und Europa hierherkommen um etwas über unsere Massagen zu lernen.”
Und so ging es vielen Thais. Mitte des letzten Jahrhunderts galt – erst recht in den Städten – traditionelle Medizin nicht viel. Und dann, etwa seit den siebziger Jahren, kamen Jahr für Jahr mehr Amerikaner und Europäer nach Thailand und wollten mehr über das traditionelle Heilwissen der Thais lernen. Natürlich erkannten dann auch immer mehr Thai’s: ‘Die kommen aus dem Westen und wollen von uns lernen? Vielleicht ist ja doch was dran, an den alten Mitteln.’
Auch die Regierung und die Königsfamilie haben ihren Teil zur Wiederbelebung der Thai-Massage beigetragen. Besonders das Gesundheitsministerium hat viele Initiativen ins Leben gerufen und in Zusammenarbeit mit Universitäten u n d Heilkundigen großangelegte Forschungsprojekte vorangetrieben. In vielen Kliniken arbeiten moderne Mediziner und traditionelle Heiler Hand in Hand zusammen.
In Thailand gibt es ein großen Angebot an qualifizierten Arbeitskräften für wissenschaftliche Unternehmungen und gerade der Wellness- und Medizin-Tourismus auf den Thailand sich spezialisiert hat ist eine treibende Kraft hinter so manch vielversprechendem Projekt.
Wenn wir jetzt unseren Blick der Vergangenheit abwenden und stattdessen in die Zukunft sehen, dann wird eines deutlich: in den kommenden Jahren wird viel Kommerz mit dem Begriff “Thai- Massage” getrieben werden. In vielen Teilen der Welt blüht ein riesiger industrieller Komplex auf, der nichts anderes verkauft als: Wellness. Es gibt kaum ein Luxus-Hotel in der Welt, das nicht Masseure aus Thailand eingestellt hat. Aber auch wer einen weniger extravaganten Lebensstil führt kann heutzutage die heilsame Wirkung der Thai- Massage am eigenen Leib erfahren.
Im Titel dieses Artikels habe ich von einer “Rückkehr auf Umwegen” gesprochen. Damit meinte ich, dass die Thai-Massage wieder in die Tempel zurückkehrt. Nicht in richtige Tempel in die man hineingehen kann. Sondern den Tempel im Herzen, den man überall bei sich trägt. Viele Schüler aus anderen Ländern – ganz besonders die aus Japan und Indien – haben mir gesagt, dass sie Thai-Massage praktizieren, weil es für sie eine Möglichkeit ist anderen Menschen wirklich zu helfen und ihnen von Nutzen zu sein. Es braucht nur zwei Menschen mit guter Absicht. Es braucht keine besonderen Cremes oder Instrumente, keine teure Gerätschaft oder wertvollen Mineralien.
Es wird nur die dem Menschen innewohnende, natürliche Kraft aktiviert und eingesetzt um zum Zustand der Harmonie zurückzufinden. Und wirklich – wie weit ist das noch vom buddhistischen Wandermönch entfernt? Diese Leute tragen keine orangefarbenen Roben und betteln nicht um ihr tägliches Essen wie die Mönche, sie haben Visitenkarten und berechnen ihre Massagen in barer Münze – aber es ist mit Sicherheit ein mittlerer Weg, der es ihnen ermöglicht auf ihrer individuelle spirituellen Entwicklung voranzuschreiten und zugleich als Teil einer modernen Gesellschaft ihren Mitmenschen von Nutzen zu sein. Und im Zeitalter der Maschinen und Computerchips ist es für die meisten Menschen heilsam wieder in Kontakt mit dem zu kommen, was die Menschheit seit Anbeginn begleitet hat: Heilsame Berührung.
Bildnachweise aus Wikipedia: Manfred Werner, DhJ, Pygmalion, Adam Carr
